Aus der Geschichte des Offenbacher Oratorienchors - Sängerverein von 1826 e.V.

Der "Offenbacher Oratorienchor - Sängerverein 1826 e.V." besteht seit nunmehr 175 Jahren. Nach dem Frankfurter Cäcilienverein ist er damit der älteste Chor in Hessen.
Unerlässlich erscheint uns, die Geschichte unseres Vereins in ihren wichtigsten Stationen darzustellen, da sie mit der Geschichte der Stadt Offenbach untrennbar verbunden ist. Die Grundlage zu den hier folgenden Ausführungen bilden zwei sorgsam gehütete Jubiläums-Festschriften aus den Jahren 1926 und 1951 und Unterlagen aus dem Chorarchiv, die auszugsweise und zusammenfassend wiedergegeben werden.

Der Offenbacher Sängerverein ist im Jahre 1826 als Männerchor gegründet worden. Fünfzehn Männer, Mitglieder des nicht lange vorher gegründeten Turnvereins, unternahmen am 6. Juli jenes Jahres einen Ausflug auf den Feldberg und begründeten dort oben, sicherlich aus der Stimmung des Augenblicks heraus, eine fröhliche Sangesgemeinschaft, die die Keimzelle unseres Offenbacher Sängervereins wurde. Unter den Gründern befanden sich Männer von Bedeutung und Namen: Vor allem fünf Männer aus der Offenbacher Musikerfamilie André, sodann Adolf Spiess, der Turnmeister, Bernhard Schädel und Franz Dillenberger, die nachmaligen Dirigenten des Sängervereins.
Diese Gründung war der Ausdruck bewussten politischen Lebenswillens, somit Beweis für die zeitnahe Verbundenheit mit der Stadt, die die inneren Strömungen in diesem Verein dargestellt sah. Gründungen von Männerchören waren zu jener Zeit nichts Seltenes. Der Männergesang, die Freude am Wandern und am Turnen hatten damals einen besonderen Zug, eine besondere volkstümlich-nationale Bedeutung. Sie waren zugleich mit den Turnvereinen der Ausdruck der Auflehnung gegen die Unterdrückung des freiheitlich-nationalen Geistes der damaligen Jugend.
Wir müssen annehmen, daß die Gründung des Offenbacher Sängervereins eine Spätblüte der vorausgegangenen klassischen Epoche des Offenbacher Geisteslebens gewesen ist, die mit den Namen Goethes, Johann und Anton Andrés, mit den Namen der genial-phantastischen Bettina Brentano sowie ihres Bruders Clemens auf engste verknüpft war. Man berichtet uns von dem Ewaldschen Singkränzchen, das im Hause des Weinhändlers Ewald unter Leitung von Johann Anton André, Sohn des Seidenfabrikanten und Begründers des Musikverlags André in Offenbach, tagte.
Der Name André ist das Bindeglied zwischen der klassischen Epoche und jener Gründungszeit unseres Vereins, denn das Haus André strahlte eine musikalische Kraft aus, die alle musikinteressierten Kreise der Stadt belebte und förderte.
Bernhard Schädel hieß der erste Leiter des Vereins, Proben-Lokal war die Trockenstube der Andréschen Seidenfärberei, auf 6 Kreuzer in der Woche belief sich der Mitgliedsbeitrag, der jedes Mal am Probenabend entrichtet werden musste.
Mit dem Frankfurter Liederkranz hielt der Offenbacher Sängerverein dauernd gute Freundschaft und beteiligte sich unter anderem im Jahre 1838 an dem großen Sängerfeste dieses Vereins, das nach dem noch erhaltenen Bilde von der Auffahrt der auswärtigen Sänger auf dem Main ein pompöses Ereignis gewesen zu sein scheint.
Das idyllische Dasein unseres Vereins wurde durch die Stürme des Jahres 1848 jählings unterbrochen; nur Unerschrockene wagten es fortan, sich der Gefährlichkeit der dauernden Mitgliedschaft auszusetzen. Noch 1853 forderte das Hessische Kreisamt ein genaues Verzeichnis der Mitglieder, sowie Einsicht in die Statuten. Zugleich wurde der Verein genötigt, jeden Besuch von auswärts 48 Stunden vorher schriftlich anzuzeigen.

Das 25jährige Stiftungsfest wurde aus eben diesem Grunde um einige Jahre verschoben, dafür aber, wie es scheint, um so festlicher begangen. Josef Pirazzi, der Vater Emil Pirazzis, hielt dabei die Festrede und berichtete in ergötzlicher Weise über die Entstehung des Sängervereins, wie dieser, nachdem er schreiend zur Welt gekommen, in der Andréschen Trockenstube sehr trocken gelegen habe, nicht mit Wasser und Milch, sondern mit Bier und Wein aufgezogen worden sei, seine Wanderjahre bestanden, anfangs ohne festes Domizil, von einem Hause zum anderen wanderte, der Muse des Gesangs angetraut worden und sich endlich als Familienvater häuslich niedergelassen und eine bleibende Stätte gegründet habe.
Aus dem Jahre 1854 ist uns die erste Beteiligung des Vereins bei der Aufführung eines gemischten Chores überliefert, wie denn überhaupt die musikalische Entwicklung des Offenbacher Sängervereins erst um diese Zeit und zwar noch recht langsam und ohne festes Ziel beginnt. Das Jahr 1859 bringt eine Aufführung von Händels "Messias" in Gemeinschaft mit dem Singverein, einem Frauenchor, und dem Philharmonischen Verein, vermutlich in Frankfurt. Unvergessen grüßt aus jener Zeit der Name des allbeliebten vorzüglichen Sängers und Chormitgliedes Georg Meyer, dessen Nachkommen durch Generationen dem Verein tätige Treue bewahrten.
Im Jahre 1861 legte der Dirigent Dillenberger sein Amt nieder, das er 32 Jahre lang innegehabt hatte. Sein Nachfolger wurde Jakob Ludwig Güth, unter dessen Leitung der Verein, wie berichtet wird, einen erfreulichen Aufschwung nahm, nachdem er kurz vorher nahe daran war, sich aufzulösen. Nach mehrmaligem Wechsel in der musikalischen Leitung verlegte der Verein im Jahre 1871 endgültig seinen Sitz in das Große Kolleg, Kaiserstraße, in dem er bis in die 80er Jahre des nächsten Jahrhunderts seine Proben abhielt.
Immer lebhafter wurde das Verlangen nach der Aufführung größerer Werke. Das aber erforderte die Mitwirkung sangesfreudiger Damen. Der Vorstand lud die weiblichen Angehörigen seines Männerchores zur Einstudierung ein; dieser Brauch erhielt sich einige Jahre, bis dann endlich der Verein als gemischter Chor zu der Bedeutung herangereift ist, die er noch heute hat. Den klingenden Ausdruck dieser aufsteigenden Entwicklung brachte zunächst das 50. Stiftungsfest mit der "Jubel-Ouvertüre" von C.M. von Weber, dem "Festprolog", gedichtet und gesprochen von Emil Pirazzi; "Frau Musika", Männerchor von Weinwurm; Beethovens "Klavierkonzert" und Mendelssohns "Walpurgisnacht", danach die Mitwirkung beim 10. Mittelrheinischen Musikfest 1886 mit der Aufführung von Händels "Messias", Brahms "Triumphlied", der 23. Psalm von Schubert sowie "Coriolan" von Lux.

Zur Feier des 60jährigen Stiftungsfestes wurde dann unter Georg Krug zum ersten Male ein vollständiges Oratorium aufgeführt, nämlich "Die Jahreszeiten" von Haydn. Die bei diesem Konzert mitwirkenden Damen werden zwar nicht ausdrücklich als Vereinsmitglieder angeführt, doch kann man annehmen, daß von diesem Zeitpunkte an der Offenbacher Sängerverein in doppelter Gestalt, nämlich sowohl als Männerchor wie auch als gemischter Chor auftrat, was die Aufführungen der folgenden Jahrzehnte bestätigen. Dieser Zustand dauerte bis zum Jahre 1889. In diesem Jahre konstituierten sich die bis dahin nur gastweise mitwirkenden Damen als selbständiger Damenchor und man wagte sich an seltener aufgeführte Oratorien, wie an das "Alexanderfest" von Händel und ließ es sich angelegen sein, hervorragende Solokräfte sowie gute Orchesterbegleitung heranzuziehen.
War es Krugs Verdienst, die Lebenskräfte des aufblühenden Vereins zu stärken, so ist die Ära August Grüters gekennzeichnet durch eine zunehmende Reinigung der Programme von allem, was nicht Anspruch auf ernste Musik machen konnte, sowie durch Bevorzugung von Komponisten, die damals, wie Brahms, noch umstritten waren. In dieser Zeit kam u.a. die "Rhapsodie" von Brahms zur Aufführung, daneben Werke von Mendelssohn, Schumann, das "Requiem" von Cherubini und andere mehr. Ein Markstein in der musikalischen Geschichte des Vereins scheint die erstmalige Aufführung der "Schöpfung" von Haydn im Jahre 1898 mit Orchesterbegleitung gewesen zu sein. Dabei geschah es zum ersten Male, daß der Verein sein Konzert über seinen Mitgliederkreis hinaus der Öffentlichkeit zugänglich machte und durch die Abhaltung einer öffentlichen Hauptprobe zum ersten Male auch der weniger bemittelten Bevölkerung Gelegenheit gab, ein solches Konzert in Offenbach zu hören. Die Halle des Turnvereins war der Schauplatz dieses Ereignisses, das als solches bei allen Teilnehmern bedeutenden Eindruck hinterlassen zu haben scheint. Von da ab zeigt sich Grüters bemüht, möglichst jedes Jahr ein abendfüllendes Oratorium zu bieten. So bringt er schon im nächsten Jahre den "Elias" von Mendelssohn, wobei zum ersten Male das Homburger Kurorchester, das damals auch das Orchester der Sonntags-Konzerte der Museumsgesellschaft war, den Orchesterpart übernahm. Weiterhin brachte er Werke wie Händels "Messias", Haydns "Jahreszeiten", Mendelssohns "Walpurgisnacht", "Paulus", Schumanns "Der Rose Pilgerfahrt", Max Bruchs "Odysseus" zur Aufführung.
Das 75jährige Jubiläum des Sängervereins im Jahre 1901 wurde unter Leitung von August Grüters mit einem Festkonzert begangen, dessen Programm zum ersten Male den Namen Richard Wagner enthielt (Schlussszene aus der Oper "Die Meistersinger").
Unter Grüters Nachfolger Hans Rosenmeyer lesen wir Bach auf einem Programm. Die Jahre 1910 und 1912 brachten Brahms "Deutsches Requiem" und Mozarts "Requiem".
Der Ausbruch des Krieges im Jahre 1914 schien sich wie ein tödlicher Reif auf den musikalisch aufblühenden Verein legen zu wollen. Die Proben wurden eingestellt, und damit fielen auch die Chorkonzerte für eine Reihe von Jahren aus.
Erst im Jahre 1919 konnte man daran gehen, den zerrütteten Verhältnissen wieder aufzuhelfen. Von diesem Zeitpunkt datiert die grundliegende Neuorganisation des Offenbacher Sängervereins, der wir seinen heutigen Charakter und Sinn verdanken. Dem eifrigen Bemühen des Herrn Dr. Sondag verdanken wir es, daß dem Nebeneinander von Männer- und Damenchor ein Ende gemacht wurde.
Inzwischen hatte sich 1920 die Offenbacher Konzertgesellschaft gebildet, die es sich zur Aufgabe gesetzt hatte, in Offenbach auch Orchesterkonzerte unter Mitwirkung bedeutender Solisten zu veranstalten. Oskar von Pander wurde nunmehr der Leiter sowohl der Konzertgesellschaft als auch des Sängervereins, und unter Heranziehung des Frankfurter Symphonie-Orchesters war es einem Künstler von seinem Rang möglich, jene Programme auch in der Stadt Offenbach zu bringen, die den Anforderungen des Großstädters genügen, was Zusammenstellung der Nummern und Höhe des Dargebotenen angeht. Der Verein war ein fester Bestandteil des Offenbacher Kulturlebens geworden.
Im Herbst 1923, in den schlimmsten Zeiten der Inflation, übernahm Herr Dr. Stefan Temesvary die musikalische Leitung des Vereins. Trotz der schwierigsten wirtschaftlichen Verhältnisse, die der Kunstpflege hindernd im Wege standen, ist es seiner zielbewussten und folgerichtigen Arbeit gelungen, seine musikalische Persönlichkeit durchzusetzen und die choristische Schulung des Vereins in stetiger Entwicklung zu steigern. Ihm, einem wahren Musik-Pädagogen, gelang es, die Höhe zu halten und in Wort und Klang allen Mitgliedern jene Begeisterung zu vermitteln, die alle Singenden zu einer fühlbaren Gemeinschaft zusammenschloss. Unter seiner Leitung wurden sämtliche klassischen Oratorien aufgeführt.
Obwohl der Sängerverein unter der Leitung von Universitätsmusikdirektor Temesvary einen Gipfel künstlerischer Leistung erklimmen konnte, wofür die Arbeit an den Gipfelwerken Bachscher und Beethovenscher Kunst und die Aufführungen des "Messias" 1928, der "Missa solemnis" 1929, des "Deutschen Requiems" 1930, der "Schöpfung" 1931 bürgte, um nur einige zu nennen, darf nicht verschwiegen werden, daß bei jeder Hauptversammlung die Jahresberichte Rückgang in den Mitgliederzahlen und damit auch in Vereinseinnahmen meldeten, und daß diese Erscheinung bald in bedrohlichem Ausmaß wuchs. Denn während der Chor früher von einer breiten Schicht besten Offenbacher Bürgertums getragen war, in dem seine Veranstaltungen den notwendigen Resonanzboden fanden, welche ihm auch immer den erforderlichen Nachwuchs sandte, veränderten sich die sozialen Verhältnisse und das kulturelle Interesse schon im ersten, namentlich aber in und nach dem zweiten Weltkrieg grundlegend. Es trat ein Strukturwandel ein, der dem Verein seine natürliche Basis in der Bevölkerung großenteils raubte.
Die zurückgehende Zahl der aktiven Sänger ließ eine Verstärkung durch einen Nachbarchor gleichen Strebens als wünschenswert erscheinen, und so entstanden in dem Vierteljahrhundert nach 1926 nacheinander mehrere Chorgemeinschaften, zuerst mit dem Hanauer Oratorienverein bis 1935, sodann mit dem Evangelischen Kirchengesangverein Offenbach und dem Cäcilienverein Frankfurt a.M. und schließlich auch mit dem Musikverein in Darmstadt. Alle diese Vereine kämpften ja aus den gleichen Gründen um ihren Fortbestand. Diese Chorgemeinschaften führten den Sängerverein auch zu auswärtigen Konzerten, nach Hanau, Frankfurt, Gießen Darmstadt und Aschaffenburg.
Seit Ausbruch des zweiten Weltkrieges wurde in zunehmendem Maße die Durchführung der Proben gestört. Schwere Angriffe auf Offenbach in der Nacht vom 20. auf den 21. Dezember 1943, wo neben zahlreichen öffentlichen und privaten Gebäuden auch das des Großen Collegs in Flammen aufging und damit der größte Teil des Vereinsinventars mit Flügel und Musikalien vernichtet wurde, brachten schließlich das gesamte musikalische Leben des Sängervereins, von dem ein großer Teil der Mitglieder in jener Unglücksnacht ausgebombt wurden, zum völligen Erliegen.

Um so erfreulicher, daß sich am 1. August 1946 die noch ortsansässigen Mitglieder auf Initiative von Herrn Oberlandgerichtsrat Dr. Schroeder zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im Gymnasium in der Parkstraße 1 trafen und einen Neuanfang wagten. Herr Kapellmeister Franz Spelz, Frankfurt a.M., wurde Nachfolger von Herrn Prof. Temesvary, der aus gesundheitlichen Gründen sein Amt nicht mehr weiterführen konnte. Als erste Arbeit wurde die "Schöpfung" von Haydn vorgenommen und am 16. Mai 1947 im Theater an der Goethestraße zur Aufführung gebracht.
1949 entschied sich eine außerordentliche Mitgliederversammlung für Herrn Horst Welter, einen Mann von großer Tatkraft, ausgezeichneten Gaben sowohl als Chor- wie Orchesterdirigent, und schöpferischer Initiative beim Erschließen neuer Wege. Mit ihm überwand der Verein die noch beträchtlichen Schwierigkeiten. Sowohl das Hessische Kultusministerium als auch der Magistrat der Stadt Offenbach gewährten dabei wertvolle materielle Starthilfe.

Das Offenbacher Kulturleben verdankt Horst Welter zahlreiche Impulse. 1949 fand im Rahmen der Sängervereinigung unter seiner Leitung das erste von zahlreichen Symphonie-Konzerten statt, die allmählich die angestrebte Breitenwirkung gewannen.
Er ist der spiritus rector, der Vater der beliebten Sonntagsmatineen, die anfangs im Parkhotel, ab 1951 in dem wiederhergestellten Festsaal der "Offenbacher Kolleg-Gesellschaft" in der Kaiserstraße stattfanden. Mit renommierten Solisten und über 100 Veranstaltungen in 40 Jahren leisteten die Matineen einen außergewöhnlichen Beitrag zum Wiederaufbau des kulturellen Lebens in der Mainstadt. Welch großer Idealismus von dem Sängerverein mit Horst Welter ausging zeigte sich 1963, als Bagger und Spitzhacke am Platz des Großen Kollegs in ihre Rechte traten und der Verein ins "Exil" gehen musste. In loser Folge veranstaltete der Verein weiterhin seine bekannten und beliebten Matineen - man bat jetzt während der aufgezwungenen Matineepause musikalisch Interessierte in die Wohnung von Frau Käthe Stiefken.
Mit seinen Gesprächskonzerten zeigte Welter immense musikpädagogische Fähigkeiten. Sympathisch-schlicht gab er einer breiten aufgeschlossenen Zuhörerschar einen sachlich-klaren Einblick in Schaffen und Werden eines Komponisten, seine Eigenart und das Wesen seiner Kompositionen. Beispielhaft sei hier die Matineenreihe 1961 erwähnt, in der Welter das sinfonische Vermächtnis Beethovens, alle neun Sinfonien, erklärte.
Der Sängerverein, Offenbachs "rühriger" Oratorienchor (so die Offenbach Post 1950 anlässlich des Bach-Konzerts zum 200. Todestag des Komponisten, "Kreuzstabkantate" und "Osteroratorium"), brachte seit 1949 alljährlich die großen Chor-Orchesterwerke der Weltliteratur zu hochwertigen Aufführungen und war damit dem klassischen Oratorien- und Konzertschaffen aufs engste verbunden. Welters ausgeprägtes Gefühl für stimmliche Qualitäten bewirkte, daß auch die solistische Besetzung stets bestmöglich war.
Künstlerische Lorbeeren fielen auf das Haupt des Offenbacher Sängervereins, als der Chor 1955 gemeinsam mit der Bieberer Concordia von einer großen New Yorker Schallplatten-Firma verpflichtet worden war, die "Meistersinger"-Chöre für eine LP-Aufnahme zu interpretieren. Überhaupt standen die Jahre mit Herrn Welter auch für enge freundschaftliche Beziehungen zu Chorvereinen wie dem Hanauer Oratorienchor, den Oratorienchören Bad Nauheim/Friedberg und Bad Orb, der "Winfridia" Fulda und nicht zuletzt mit der Singakademie Mödling, der Offenbacher Partnerstadt bei Wien. Nach der Devise: getrennt proben, vereint auf die Bühne, waren sich die Chöre gegenseitig eine klangliche Bereicherung für große, stimmgewaltige Aufführungen, nicht zuletzt bedingt durch eine zahlenmäßige Verstärkung der Männerstimmen. Dieses chorisch allzubekannte Phänomen, das erhebliche Übergewicht der Frauenstimmen, verfolgt uns bis in unser Jubiläumsjahr 2001.

Neben so berühmten und beliebten Werken wie Haydns "Schöpfung" (1954, 1960, 1974, 1982, 1987) und "Die Jahreszeiten" (1951 anlässlich der Feierlichkeiten zum 125jährigen Bestehen des Sängervereins, 1957, 1963, 1969, 1976 anlässlich des 150jährigen Vereinsjubiläums, 1984 zum 175. Todestag des Komponisten) wurden die "Matthäus-Passion" (1952, 1980), das "Weihnachtsoratorium" (1954, 1969, 1989) und das "Magnificat" (1987) von Bach, Beethovens "Missa solemnis" (1962, 1973) und die "9. Symphonie" (1964, 1967 zur 1000-Jahr-Feier der Stadt Offenbach, 1979, 1981 1985), Händels "Messias" (1966 zum 140jährigen Bestehen des Sängervereins, 1988), Mendelssohns "Elias" (1981, 1983), "Te Deum" (1979) und "f-moll-Messe" (1975, 1986) von Bruckner, Mozarts "Requiem" (1960, 1985), Verdis "Requiem" (1955, 1961, 1968, 1978), Brahms "Ein Deutsches Requiem" (1972, 1990), Schütz "Matthäuspassion" (1960, 1965) aufgeführt. 1970 war der Oratorienchor in Bad Orb zu Gast, um bei einem außergewöhnlichen musikalischen Ereignis mitzuwirken, einer konzertanten Aufführung des "Fidelio" von Beethoven.
Mit der Aufführung des "Requiem" von Verdi gelang es 1961 nach jahrelangem Bemühen, die Offenbacher Stadtverwaltung für eine finanzielle Sicherung des Konzertes zu gewinnen. Dies war der Auftakt für eine langjährige Förderung der Herbstkonzerte des Chores.
Gesunde Tradition kann sich nur in lebendiger und aufmerksamer Beobachtung alles Neuen bewahren. So hat sich der Sängerverein dem zeitgenössischen Schaffen nicht verschlossen: Aufführungen der "Psalmensymphonie" von Strawinsky, häufige Wiederholungen der "Carmina burana" von Carl Orff (1965 zu seinem 70. Geburtstag, 1981, 1983), Wiedergaben von kleineren Kantaten von Kurt Hessenberg, Philipp Mohler (1965) oder des nach Amerika ausgewanderten deutschen Komponisten Jan Meyerowitz beweisen es. Der "Psalmus Hungaricus" von Zoltán Kodály gar, den der Chor zur Feier seines 160jährigen Bestehens in der Offenbacher Paulskirche aufführte, wird von Musikexperten als die bedeutendste Oratorienschöpfung unseres Jahrhunderts bezeichnet.
Neben der musikalischen Schulung war der Verein stets bemüht, seine Mitglieder kulturell weiterzubilden. Diesem Bestreben dienten zahlreiche Studienreisen u.a. nach Wien, zu den Loire-Schlössern und nach Paris, Griechenland, Ungarn, England, in die Bretagne und zuletzt 1984 nach Berlin.
Für seine Verdienste um das kulturelle Leben erhielt Welter, ein Schüler Hindemiths, Kapellmeister, Chorleiter, Dozent an der Frankfurter Musikhochschule, Gastdirigent bekannter Orchester im In- und Ausland, gefragter Künstler und Musikpädagoge, Komponist und Musikdirektor in Bad Orb, auf dem Höhepunkt seiner Schaffensphase von der Stadt Offenbach die höchste Auszeichnung, die Bürgermedaille in Silber (1984); der Main-Kinzig-Kreis verlieh ihm den Kulturpreis des Jahres 1980.
Im November 1990 neigte sich eine Ära des Offenbacher Sängervereins dem Ende zu: Nach 41 Jahren legte Horst Welter aus Altersgründen sein Amt als musikalischer Leiter des Oratorienchores nieder - mit ihm schieden nicht wenige langjährige treue Chorsängerinnen und -sänger aus dem aktiven Chorleben aus.
Etwa zeitgleich zog der Oratorienchor aus seinem bisherigen Domizil, dem Kolpinghaus, das nur für wenige Jahre Ort der wöchentlichen Proben war, in die Evang. Lauterborngemeinde, wo er eine neue Heimat gefunden hat.

Zur Nachfolgerin von Horst Welter wurde von der Jahreshauptversammlung im Frühjahr 1991 die Frankfurterin Regine Marie Wilke, eine dynamische und zielstrebige Absolventin des Studiums Schulmusik in Frankfurt mit Schwerpunkt Chorleitung bei Wolfgang Schäfer und Helmuth Rilling, ernannt. Sie trat, zumal als erste weibliche Dirigentin, ein schweres Erbe an. Doch schon nach den ersten gelungenen Konzerten war in der örtlichen Presse zu lesen, daß mit Frau Wilke ein frischer Wind durch unsere ehrwürdige Institution in Sachen Gesang weht.
Nach der Aufführung der "Choralkantate" von Mendelssohn-Bartholdy und des "Requiem" von Gabriel Fauré (1991) und des "Te Deum" von Charpentier (1992) war das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit gestiegen: Hatte man sich zuvor ein bis zweimal jährlich mit befreundeten Chören zu einem groß besetzten Chor- und Orchesterkonzert in oratorischem Rahmen zusammengetan, so stellte sich das Ensemble nun erstmals wieder ganz auf die eigenen Beine. Der Chor widmete sich jetzt verstärkt Werken in kleinerer, nicht sinfonischer Besetzung, die abseits vom gängigen Konzertrepertoire liegen. Das "Collegium Instrumentale Offenbach", das sich aus einem festen Stamm von Studierenden der Musikhochschule Frankfurt zusammensetzt, begleitet fortan unter der Leitung von R. M. Wilke den Chor.
Eine Neuerung hat sich ebenfalls bewährt: Frau Wilke kümmert sich vor Beginn der eigentlichen Proben um Einzelstimmgruppen und arbeitet intensiv an der Stimmbildung.
Sie setzt immer wieder inhaltliche Schwerpunkte und fordert auf, bekannte Stücke aus einem neuen Blickwinkel heraus zu betrachten. So wurde Haydns "Stabat mater" (1993) in Verbindung mit einer Ausstellung von Plastiken "Von Klang zu Ton" aufgeführt und damit der Versuch unternommen, Sichtbares mit Unsichtbarem in Beziehung zu setzen. Ein Neuland für den traditionsreichen Chor waren ebenfalls die szenischen Aufführungen der Händel-Oper "Acis und Galatea" (1993) und der "Carmina burana" von Carl Orff (1994 in Offenbach, im Rahmen der Burgfestspiele Dreieichenhain und auf der Ronneburg). Die Offenbach Post schrieb dazu: mit seiner jungen, engagierten Leiterin knüpft der Oratorienchor wieder an legendäre Horst Welter-Zeiten an.
Geistliche und weltliche Chormusik vom Spätbarock ("Die Tageszeiten" von G.Ph. Telemann) über die Romantik ("Hymnus" von Mendelssohn, Bruckner u.a.) bis zur Moderne (u.a. Rheinberger, Prof. Jürgen Blume aus Offenbach), mit Klavier- oder Orchesterbegleitung oder a cappella, brachte der Chor zu unterschiedlichen Anlässen zu Gehör. Beispielhaft sei hier ein Konzert zum Thema "Zeitläufte" (1996) genannt, bei dem der junge Kollege Wolfgang Haller die musikalische Leitung für die kurzfristig erkrankte R.M. Wilke übernahm und für klangliche Hochspannung sorgte. Mit ebenfalls romantischer Chormusik war der Oratorienchor 1997 aus Anlass des "Tages des Denkmals" bei den Freunden des Herrnhaag e.V. (Büdingen) zu Gast.
Träger des letztgenannten Konzertes war "Ars Musica Hassiae" des Terra-incognita-Instituts, mit dem der Sängerverein seit 1997 bei ausgewählten Projekten verbunden ist. So gestaltete der Chor den Festakt im Hessischen Landtag zu "150 Jahre Nationalversammlung - Revolution 1848" und trat im Rahmen weiterer Revolutionskonzerte in Frankfurt und in Offenbach im Büsinghof auf mit Werken, die einerseits die biedermeierliche Idylle jener Zeit repräsentierten, aber auch Themen des Aufstandes zum Inhalt hatten. (Offenbach spielte eine nicht unerhebliche Rolle im Revolutionsgeschehen. So verhalf eine Offenbacher Druckerei verschiedenen Streitschriften zur Publikation).
Ein besonderer Höhepunkt im Chorgeschehen war der Auftritt des Oratorienchores im Rahmen der Burgfestspiele Dreieichenhain 1997 mit Mendelssohns "Walpurgisnacht" und Brahms "Schicksalslied". Gleichzeitig wurde mit diesem Konzert der 200. Todestag von Johannes Brahms geehrt.
Seit 1998 fördert die Stadt Offenbach dankenswerterweise wieder jährlich ein großes Festkonzert des Offenbacher Oratorienchores (Bachs "Weihnachtsoratorium" Kantaten 4-6; die Kantaten 1-3 brachte der Chor 1995 zu Gehör).
Neben großen Weihnachtskonzerten hat es sich der Chor zum Anliegen gemacht, adventliche und weihnachtliche Chormusik zum Zuhören und Mitsingen aufzuführen (1996, 1997, 1999, für 2001 vorgesehen).
Eines der Highlights der jüngsten Chorgeschichte war 1999 "300 Jahre Hugenotten in Offenbach" im Büsing-Palais, das Festkonzert zum Bestehen der Französisch-Reformierten Gemeinde mit Werken von Charpentier ("Te Deum"), Goudimel, Mozart und Anton André ("Te Deum"), der selbst Hugenotte aus Frankreich war. Das Konzert war ein Plädoyer für Achtung und Toleranz gegenüber Menschen unterschiedlicher Konfessionen, politisch-weltanschaulicher Haltung und kultureller Herkunft.
Als weiterer Höhepunkt erklangen in der Konzertreihe Musikalische Profile "Mozart und seine Zeit" (2000) Opernchöre und Arien von Wolfgang Amadeus Mozart und Christoph Willibald Gluck. Die musikalische Leitung hatte Joachim Siegel, ein junger aufstrebender Dirigent, in Vertretung für Frau Wilke.
Im Jahr 2001, im 175. Jahr des Sängervereins, stehen zwei große Konzerte im Mittelpunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten. Im Mai gestaltete der Oratorienchor ein bunt gemischtes weltliches A-cappella-Programm mit Madrigalen, Chorliedern und einem Opernchor - komponiert zwischen Renaissance und Moderne; es erklangen Werke von Brahms, Dowland, Dvorak, Franz, Humperdinck, Mendelssohn-Bartholdy, Rheinberger, Schubert und Verdi. Regine Marie Wilke moderierte das Konzert kurzweilig und informativ.
Am 16. September 2001 begeht der Offenbacher Oratorienchor mit Frau Wilke sein 175jähriges Jubiläum mit einem Festkonzert der "Schöpfung" von Joseph Haydn im Büsing-Palais.

Abschließend lesen wir in §2 der Vereinssatzung die verpflichtenden Sätze: "Zweck des Vereins ist die Pflege und Förderung des Chorgesangs mit dem Ziel der Aufführung von Chorwerken klassischer und moderner Prägung, insbesondere von Oratorien, nicht minder aber von a-cappella-Musik alter und neuer Zeit. Er will dadurch nicht nur bei seinen Mitmenschen Sinn und Verständnis für wertvolle Chormusik wecken und vertiefen, sondern auch zur Volksbildung wesentlich beitragen."
In einer Vereins-Mitteilung aus dem Jahre 1954 lesen wir: "Wir stehen heute zweifellos in einer Notzeit der Musikkultur und zwar insofern, als selbst interessierte Zeitgenossen vielfach sich mit dem begnügen wollen, was ihnen durch den Funk an musikalischen Genüssen zu Hause in den Schoß gelegt wird. Die Kunst und vornehmlich die Musik bedürfen aber zu ihrem Bestand der ausübenden Kräfte. Sie allein sind aufbauend und die Wurzeln aller Ideen und aller Kräfte, die an der Vertiefung des geistigen und seelischen Lebens schaffen. Diese Gedanken, verbunden mit der Liebe zur gesanglichen Betätigung sind es, die den Verein durch Generationen immer wieder anspornten." Diese Worte behalten über die Jahre hinweg ihre Gültigkeit.

Dr. Cordula Uischner-Peetz


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